Glück
Schreibe einen Kommentar

Raus aus der Knautschzone

Wir haben mittlerweile so viele Sicherheitsnetze gespannt, dass wir fast vergessen haben, wie spannend das Leben sein kann. Früher war ich doch auch mutig, risikobereit und habe nie oder selten über das Morgen nachgedacht. Was ist passiert?

Früher waren meine Wochenenden so: Freitag tanzen, feiern und trinken, Samstag bis 14.00 Uhr schlafen, mittags zum Shoppen in die Stadt, dann gegen 22.00 Uhr wieder los in die Clubs und den Sonntag halb schlafend, halb dösend vor der Glotze abhängen und den Kater mit viel Cola und Chips pflegen. Und Montag, nach gefühlt drei Stunden Schlaf, wieder in den Job. Zwischendurch immer mal wieder eine Romanze, an dessen Vornamen man sich eine Woche später nur noch Vage erinnern konnte.

Heute kann ich mich montags nur noch an das Fernsehprogramm, Spaziergänge, oder an meine Putz- und Kochevents erinnern. Oder ich plane meine Wochenenden bis ins letzte Detail durch und überlasse nichts mehr dem Zufall.Hin- und wieder auch an ein nettes Dinner oder einen Kinoabend, mehr aber auch nicht. Was nicht unbedingt schlecht ist, aber es beschäftigt mich die Frage, bin ich nun eine Frau geworden, über die ich mich vor ein paar Jahren noch lustig gemacht hätte? Eine, die nichts mehr riskiert und große Bögen um Herausforderungen macht?

Immerhin waren alle meine Freundinnen so, wenn ich mich umsehe. Alle haben studiert und strebten eine Festanstellung und nach Abschluss einen „Festpartner“ an. So ist es dann auch gekommen. Wir gingen nach dem Studium alle in eine mehr oder weniger gut bezahlte Festanstellung und fingen an uns für wirklich ernsthafte Typen zu interessieren. Also keine Typen mehr, die Joint rauchend mit dem Skateboard im Flur hin- und herrollern oder Liebes-Tragödien die zu tränenreichen Schlussmachaktionen führen. Mittlerweile sind wir quasi in unserem Leben „angekommen“. Einige haben eine Familie gegründet und andere führen ein recht angenehmes „DINKs-Leben“ (Dopple-Income-No-Kids).

Wir leben also mittlerweile ein Leben, wo wir unsere Reisen mit Tripadvisor bis ins Detail planen, Ärztebewertungen im Internet lesen, Zutatenlisten auf Lebensmittelpackungen prüfen und überlassen generell nichts mehr dem Zufall. Der Körper wird mit Superfood, Trainingseinheiten, Gewichts- und Bodymaß-Index überprüft und man versucht immer und überall das „Optimale“ herauszuholen. Wir trennen den Müll und kaufen Bio-Produkte, um uns besser zu fühlen. Man hält sich an Regeln, fährt angeschnallt, liest die AGBs, die Beipackzettel und informiert sich über Risiken und springt im Freibad nicht mehr vom verbotenen Beckenrand. Ich frage mich, vielleicht hängt es auch einfach mit dem Erwachsenwerden zusammen, dass man weniger riskiert im Leben.

Erwachsensein bedeutet also, das Ende der Wildheit? Bin ich jetzt eine, die ständig Angst hat, dass irgendetwas schiefgehen könnte? Mein Leben ist jetzt ausgepolstert mit Sicherheits-knautschzonen.

Die alten Fotos von den Eltern beweisen das Gegenteil: lustig tapezierte Partykeller, ulkige Frisuren, viel Alkohol und Zigaretten und das alles auch im mittleren Alter und mit Familie. Nachbarn kamen spontan zum Geburtstagsgrillen rüber und alle Kinder feierten purzelbaumschlagend bis spät in die Nacht mit. Hatten die Leute früher mehr Zeit für ungezwungene Partys, obwohl sie einen Job und Kinder hatten? Waren sie risikobereiter und gelassener als wir heute? Offensichtlich war es damals lustiger, als heute. Ich erinnere mich gerne an die Partys meiner Eltern oder Verwandten, die bis spät in die Nacht gingen und wir Kinder zusammengerollt unter dem Wohnzimmertisch schliefen. In der Nacht wurden wir geweckt und wir gingen müde aber gut gelaunt nach Hause.

Ich glaube, heutzutage denken wir alle zu viel nach über Risiken, Auswirkungen und Folgen. Man traut sich einfach nichts mehr. Aber was ist eine Welt wert, in der man nie mehr über die Stränge schlagen darf, nie mehr bedenkenlos unvernünftig zu sein? Keine spontanen Partys mehr, obwohl man morgen arbeiten muss? So viel wie eine Welt, in der es keine Abenteuer, keine Ausrutscher, keine Pannen und keine Aufregung mehr gibt. Doch genau auf diese verkniffene, freudlose, vegan-hygienische-Öko-Welt läuft es hinaus. Als fürchteten wir, das Leben könnte zusammenbrechen, sobald man es ein bisschen krachen lässt. Schade, irgendwie. Schließlich heißt es ja: No risk, no fun. Im Umkehrschluss heißt das: No fun, no risk. Und das kann man wirklich nicht wollen.

Also lassen wir es doch mal wieder richtig krachen: essen eine Fertiggericht-Currywurst, buchen ein Glückshotel in Lloret, gehen betrunken um 6.00 Uhr ins Bett, lesen nicht den Beipackzettel von Aspirin und wachen komatös neben unserem Liebsten auf.

Also, wie stellt man es an, wieder mutig zu werden? Es hat jedenfalls nichts damit zu tun, sich aufwendige Mutproben aufzuerlegen, bei denen man versucht sich selbst etwas zu beweisen. Man muss auch nicht den Job oder seine Beziehung hinschmeißen oder in eine andere Stadt ziehen. Früher bedeutete mutig zu sein, dass man sich Situationen aussetzte, in denen man scheitern konnte. Und genau da sehe ich den Grund, warum wir uns alle so gemütlich in unserer Knautschzone eingerichtet haben. Wir haben es verlernt zu scheitern. Wenn wir das Leben wieder als Abenteuer empfinden wollen, dann müssen wir uns Herausforderungen stellen und wenn wir mal hinfallen, dann stehen wir einfach wieder auf.

Zitat von Jim Rohn:

Wenn Du nicht bereit bist das Außergewöhnliche zu riskieren, dann wirst Du Dich mit dem Gewöhnlichen begnügen müssen.“

 

Schreibt mir, wie ihr Herausforderungen begegnet?

 

 

Schreibe hier Deinen Kommentar.